Smartiee Insights
2026-07-18 15:00

Penpot: Die kostenlose Open-Source-Alternative zu Figma

Figma ist für viele Designteams zum Standard geworden. Gleichzeitig steigen die Kosten, wichtige Funktionen werden auf unterschiedliche Tarife verteilt, und alle Projekte bleiben an die Infrastruktur eines einzelnen Anbieters gebunden. Genau deshalb bekommt eine Alternative zunehmend Aufmerksamkeit: Penpot.

Das Open-Source-Projekt hat inzwischen mehr als 56.000 Sterne auf GitHub gesammelt. Penpot läuft direkt im Browser, unterstützt Teamarbeit und Prototyping und kann entweder als Cloud-Dienst genutzt oder auf einem eigenen Server installiert werden.

Figma ist damit nicht plötzlich überflüssig. Penpot ist aber längst mehr als ein experimentelles Tool für Open-Source-Fans. Besonders für Webagenturen, Produktteams und Unternehmen mit eigenen Entwicklern bietet die Plattform einige Funktionen, die den Übergang vom Design zur fertigen Website deutlich vereinfachen können.

Das Design verhält sich wie eine echte Website

Der interessanteste Unterschied liegt nicht beim Preis, sondern im technischen Aufbau.

In vielen Designtools werden Elemente visuell auf einer Fläche angeordnet. Bei der späteren Umsetzung müssen Entwickler interpretieren, wie sich diese Elemente auf unterschiedlichen Bildschirmgrößen verhalten sollen. Das Ergebnis entspricht deshalb nicht immer exakt dem ursprünglichen Entwurf.

Penpot arbeitet direkt mit den Logiken von CSS Flexbox und CSS Grid. Designer können Container, Abstände, Zeilen, Spalten, Ausrichtung und Umbrüche nach denselben Prinzipien aufbauen, die später auch bei der Programmierung verwendet werden. Verändert sich die Größe eines Elements oder des gesamten Layouts, reagiert der Entwurf ähnlich wie eine responsive Website.

Dadurch sprechen Designer und Entwickler früher dieselbe Sprache. Ein Entwickler muss nicht erst aus einer statischen Vorlage rekonstruieren, ob eine Gruppe als Grid, Flex-Container oder frei positioniertes Element gedacht war. Diese Information ist bereits Teil des Designs.

Für Webprojekte kann das weniger Rückfragen, realistischere Entwürfe und eine schnellere Umsetzung bedeuten.

Inspect ohne zusätzlichen Dev-Tarif

Penpot enthält einen eigenen Inspect-Modus. Entwickler können dort Abstände, Größen und Eigenschaften eines Elements prüfen und Code für CSS, HTML und SVG abrufen. CSS-Eigenschaften lassen sich außerdem direkt für einzelne Ebenen oder verschachtelte Strukturen kopieren.

Der ausgegebene Code ersetzt keine saubere Frontend-Entwicklung. Eine vollständige Website sollte nicht ungeprüft aus einem Designwerkzeug exportiert und veröffentlicht werden. Der Inspect-Modus verbessert aber die Übergabe: Entwickler sehen schneller, wie ein Element aufgebaut wurde, welche Werte verwendet wurden und welche Assets benötigt werden.

Gerade bei kleineren Websites und Landingpages kann das den Abstand zwischen Entwurf und Umsetzung deutlich reduzieren.

Designsysteme auf offenen Standards

Penpot unterstützt Komponenten, Varianten, gemeinsame Bibliotheken und Design Tokens. Farben, Abstände, Schriften und andere Gestaltungseigenschaften können zentral definiert und in mehreren Komponenten verwendet werden.

Die Design Tokens orientieren sich am Format der W3C Design Tokens Community Group. Sie lassen sich als strukturierte Daten exportieren und damit auch außerhalb von Penpot weiterverwenden.

Das ist für Unternehmen interessant, die eine Website nicht als einmaliges Projekt betrachten, sondern langfristig eine Designsystem-Infrastruktur aufbauen wollen. Änderungen an Farben, Abständen oder Komponenten können systematisch gepflegt werden, statt auf jeder Seite manuell angepasst zu werden.

Gleichzeitig sinkt die Abhängigkeit von einem bestimmten Tool. Die Gestaltungsregeln bleiben nicht ausschließlich in einer proprietären Datei eingeschlossen, sondern können in andere Systeme und Entwicklungsprozesse übertragen werden.

Cloud nutzen oder selbst hosten

Penpot kann wie Figma direkt im Browser genutzt werden. Der größere Unterschied liegt jedoch darin, dass Unternehmen die Plattform auch auf der eigenen Infrastruktur installieren können.

Die offizielle Dokumentation beschreibt Installationen unter anderem mit Docker Compose und Kubernetes. Oberfläche und Funktionen bleiben grundsätzlich gleich, unabhängig davon, ob Penpot in der offiziellen Cloud oder auf einem eigenen Server läuft.

Self-Hosting ist besonders für Organisationen interessant, die sensible Produktdaten, unveröffentlichte Geschäftsmodelle oder Kundendesigns nicht dauerhaft in einer externen Designplattform speichern möchten. Sie kontrollieren selbst, wo Dateien liegen, wie Backups erstellt werden und wer Zugriff auf das System erhält.

Allerdings ist der eigene Server nicht automatisch die einfachste oder billigste Lösung. Updates, Sicherheit, Backups und Verfügbarkeit müssen intern oder durch einen technischen Dienstleister betreut werden.

Kostenlos, aber nicht grenzenlos

Penpot wird häufig als vollständig kostenlose Figma-Alternative beschrieben. Das stimmt für die Open-Source-Software und einen großen Teil der Kernfunktionen, ist für das Cloud-Angebot aber etwas zu pauschal.

Der kostenlose Professional-Tarif umfasst bis zu acht Teammitglieder, unbegrenzt viele Betrachter, bis zu 10 GB Speicher und eine siebentägige Versionshistorie. Für größere Teams, längere Historien und mehr Speicher bietet Penpot zusätzliche kostenpflichtige Tarife an.

Damit bleibt Penpot für Freelancer, kleinere Agenturen und viele Projektteams sehr gut kostenlos nutzbar. Größere Unternehmen sollten jedoch sowohl die Cloud-Tarife als auch die realen Kosten eines selbst betriebenen Servers berücksichtigen.

Der entscheidende Vorteil ist weniger, dass unter allen Umständen keine Kosten entstehen. Wichtiger ist, dass die Kerntechnologie offen bleibt und Unternehmen nicht vollständig von einem einzigen SaaS-Anbieter abhängig sind.

Plugins und offene Schnittstellen

Penpot besitzt ein Pluginsystem und eine offene Plugin-API. Erweiterungen können über den Penpot Hub installiert oder über eine externe Plugin-URL eingebunden werden. Teams können außerdem eigene Plugins entwickeln, um wiederkehrende Aufgaben zu automatisieren oder Penpot mit internen Systemen zu verbinden.

Das Ökosystem ist allerdings noch nicht so groß und ausgereift wie das von Figma. Wer für seinen Arbeitsablauf mehrere sehr spezielle Figma-Plugins benötigt, sollte deshalb vor einem Wechsel prüfen, ob vergleichbare Lösungen existieren oder selbst entwickelt werden müssten.

Für technisch orientierte Teams kann genau diese Offenheit wiederum der Vorteil sein: Sie sind nicht ausschließlich davon abhängig, welche Integrationen der Plattformanbieter selbst freigibt.

AI-Agenten können direkt im Design arbeiten

Besonders aktuell ist der neue MCP-Server von Penpot. Über das Model Context Protocol können kompatible AI-Assistenten wie Claude, Codex, Cursor oder entsprechende VS-Code-Erweiterungen mit einem geöffneten Penpot-Projekt verbunden werden.

Der Agent kann Designdaten lesen, Elemente analysieren und – abhängig von den erteilten Rechten – Strukturen im Projekt erstellen oder verändern. Penpot bietet dafür sowohl einen gehosteten als auch einen lokal betriebenen MCP-Server an. Der MCP-Server selbst ist kostenlos und offen; mögliche Kosten entstehen durch das jeweils verwendete Sprachmodell.

Damit sind beispielsweise Workflows denkbar, bei denen ein Agent bestehende Komponenten analysiert, Varianten nach einem vorhandenen Designsystem erstellt, Design Tokens vorbereitet oder den Aufbau einer Seite dokumentiert.

Penpot zeigt sogar einen möglichen Migrationsworkflow, bei dem AI-Agenten über die MCP-Schnittstellen von Figma und Penpot Designs zwischen beiden Plattformen übertragen. Das bedeutet noch keinen perfekten automatischen Import für jedes komplexe Projekt. Es zeigt aber, wie offene Designdaten künftig stärker durch AI verarbeitet werden können.

Ersetzt Penpot Figma?

Für einfache und mittlere Webprojekte, Prototypen, Designsysteme und die Zusammenarbeit mit Entwicklern kann Penpot bereits heute eine ernsthafte Alternative sein. Besonders überzeugend sind die nativen Flexbox- und Grid-Strukturen, der offene Dateiansatz, Self-Hosting und die neue Verbindung zu AI-Agenten.

Ein sofortiger Wechsel ist trotzdem nicht für jedes Team sinnvoll. Figma besitzt weiterhin ein größeres Ökosystem, ist in vielen Unternehmen fest in bestehende Prozesse integriert und wird von mehr Designern routiniert beherrscht. Auch umfangreiche bestehende Figma-Bibliotheken lassen sich nicht immer ohne Nacharbeit übertragen.

Deshalb sollte die Entscheidung nicht als ideologischer Wettbewerb zwischen zwei Tools betrachtet werden. Sinnvoller ist ein Test mit einem echten Projekt: eine Landingpage, ein kleines Designsystem oder ein Website-Relaunch, bei dem Designer und Entwickler gemeinsam prüfen, wie gut der Workflow funktioniert.

Penpot ist vor allem dort interessant, wo responsive Weblayouts, offene Standards, Datenkontrolle und eine enge Zusammenarbeit zwischen Design und Entwicklung wichtiger sind als die Größe des bestehenden Plugin-Marktplatzes.